Muss man wirklich 10.000 Stunden üben, bis man etwas gut kann?

„Man muss 10.000 Stunden üben, um eine Fähigkeit zu meistern.“ Diese Faustregel hat bestimmt jeder schon einmal gehört. Doch ist da etwas dran? Gilt sie auch in Bezug auf Kommunikation? Und kann man das nicht vielleicht ein bisschen abkürzen?


Soviel schonmal vorweg: Ja, auch gute Kommunikation lässt sich üben und verbessern! Mit den Daten aus unseren Kommunikationstrainings können wir bei vCoach die Verbesserung unserer Trainingsteilnehmer*innen sogar objektiv messen. Und nein, keine Sorge: Man braucht keine 10.000 Stunden dazu… 😉


Was ist Üben eigentlich?

Beim gezielten Üben (Engl. „deliberate practice“) werden die gleichen Handlungen immer wieder ausgeführt. Das dahinterstehende Ziel ist es, seine Fähigkeiten zu steigern. Das ist nicht nur für Sportler relevant. Auch Musiker, Schüler, Künstler oder Redner profitieren von Übung.


Was macht Übung mit dem Gehirn?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verstehen, wie unser Nervensystem aufgebaut ist. Nervenfasern befinden sich nicht nur im Gehirn, sondern durchziehen den gesamten Körper.

Wenn wir etwas mit den Händen berühren, werden Nerven an den Handflächen stimuliert. Das Signal wandert über Nervenbahnen zum Gehirn. Dort wird die Information verarbeitet. Dann nehmen wir das Signal bewusst als Berührung der Handflächen wahr.


Die Nervenbahnen in unserem Gehirn sind mit Myelin-Zellen umwickelt. Myelin kann man sich wie die Isolationsschicht eines Kabesl vorstellen. Je mehr man übt, desto dicker werden die Myelin-Zellen. Das hat zur Folge, dass der Energieverlust beim Transport von Informationen geringer wird. Informationen können jetzt auf diesen „trainierten“ Nervenbahnen schneller und effektiver in das Gehirn transportiert werden. Auch der Weg vom Gehirn zurück zum Muskel funktioniert dann besser. Zusätzlich werden beim Bewegungslernen in Kleinhirn und Basalganglien oft geübte Bewegungsabläufe zunehmend automatisiert.


Davon profitieren vor allem motorische Fähigkeiten (also Bewegungsabläufe), wie man sie beim Sport oder beim Spielen eines Musikinstruments kennt. Aber auch für effektive Kommunikation spielt das eine Rolle: Gestik, Mimik, Körperhaltung, Aussprache – all dies sind motorische Fähigkeiten!


Braucht es 10.000 Stunden, bis man etwas gut kann?

Die angeblichen „10.000 Stunden“ sind ein schönes Beispiel dafür, warum Faustregeln „Faustregeln“ heißen. Die bezieht sich auf einer Studie der Psychologen Anders Ericsson, Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer (Berlin) aus den 90er Jahren. Die Studie untersuchte die Zahl an Stunden, die Musikschüler*innen typischerweise in Ihrer Kindheit und Jugend üben. Im Durchschnitt, nicht mindestens. Wie gut sie ihr Instrument schließlich beherrschten, wurde dabei gar nicht untersucht. Die Grenze von 10.000 Stunden stammt auch nicht von den Autoren der Originalstudie, sondern wurden der Studie nachträglich von Malcolm Gladwell in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Überflieger“ angedichtet. Die Autoren versuchen übrigens seitdem immer wieder, den Mythos „10.000 Stunden“ zu zerstreuen und verweisen darauf, dass man viele Fähigkeiten und Fertigkeit sehr viel schneller erwerben kann.


10.000 Stunden sind also keine magische Zahl. Wie lange es dauert, eine Fähigkeit zu meistern, hängt von der Komplexität der Fähigkeit und dem individuellen Talent ab. Ja, es braucht bewusste Übung. Die absolute Anzahl an Übungsstunden allein ist aber nicht entscheidend für den Lernerfolg. Entscheidend ist auch die Effektivität und Qualität der Übung.


Es bringt wenig, wenn man das übt, was man schon sehr gut kann. Effektives Üben bedeutet ein bisschen über das hinauszugehen, was man bereits kann. Zusätzlich ist regelmäßiges, konzentriertes Wiederholen der Schlüssel zum Erfolg.


Unsere Vorgehensweise für effektives Üben

Für den Übungsblock eines Kommunikationstrainings empfiehlt vCOACH folgende Vorgehensweise:

  1. Regelmäßig üben. Wer einmal joggen geht und nicht dranbleibt, der wird kaum seine Ausdauer steigern. Dasselbe gilt für jede andere Art von Training: Nur bei regelmäßiger Übung werden sich Fortschritte zeigen.

  2. Ablenkungen vermeiden. Am besten ist die Übungszeit fest in den Tagesplan integriert. Dann wird alles, was ablenken kann, ausgeschaltet. So schaffst Du Dir Zeit und Raum, um nicht gestört zu werden. Die beste Übungszeit ist Studien zufolge übrigens am Abend: Über Nacht konsolidieren Lerninhalte im Gehirn und sind dann nachhaltiger verfügbar.

  3. Komplexität reduzieren. Viele komplizierte Abläufe können in einzelne Einheiten aufgeteilt werden. So ist es leichter herauszufinden, an welchem Punkt Du einen Fehler machst – und wie Du ihn vermeiden kannst.

  4. Langsam anfangen. Am Anfang kann es leichter sein, langsamer zu üben. Die Wahrscheinlichkeit es dann richtig zu machen, liegt höher. Wenn wir etwas erfolgreich üben, schüttet unser Gehirn zusätzlich Glückshormone aus. Dadurch haben wir mehr Spaß dabei.

  5. Geschwindigkeit und Komplexität schrittweise erhöhen. Nachdem Du erst beides reduziert hast, empfiehlt es sich die Übung als Ganzes zusammenzusetzen. Das wird auf Anhieb vielleicht auch nicht funktionieren, aber mit der Zeit wirst Du besser werden!


Profi werden

Kommunikation lässt sich wie eine Sportart ebenfalls trainieren – das wissen wir schon. Wenn Du kommunizierst, dann sprichst Du jedoch aus Deiner subjektiven Sicht. Wie gut Du bereits bist, lässt sich für Dich nicht immer so einfach abschätzen.


Ein Läufer, der seine Bestzeit unterbietet, weiß hingegen sicher, dass er besser wurde. Daher unser Top-Tipp: Regelmäßiges Feedback hilft! Suche Dir Menschen, die Dir kontinuierlich Rückmeldung zu Deinem Fortschritt geben können! Mit unserer App geht das übrigens auch: Sie gibt Dir zu Deinen Präsentationen ein strukturiertes und klar verständliches Feedback mit klaren Verbesserungsvorschlägen. 👍🏼


Mehr zur angeblichen 10.000-Stunden-Regel:

· https://www.youtube.com/watch?v=f2O6mQkFiiw

· https://www1.wdr.de/wissen/mensch/zehntausend-stunden-regel-100.html.

· https://www.salon.com/2016/04/10/malcolm_gladwell_got_us_wrong_our_research_was_key_to_the_10000_hour_rule_but_heres_what_got_oversimplified/